Nur das eine Mal

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Vor einiger Zeit konnte ich in der Nacht kaum schlafen. 

Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere. Irgendwann stand ich auf, ging ins Badezimmer und sah im Spiegel den Grund für meine Mini-Krise. 

Das Gesicht hatte überall geschwollene rote Flecken. 

Und das alles nur, weil ich mir 12 Stunden vorher gesagt hatte: 

„Nur dieses eine Mal“. 

Nur dieses eine Mal… 

… eine Zigarette… diese Lüge … die SMS im Auto. 

Oder eben die falsche Marmelade. 

Es kann tragisch enden. 

Den ganzen Tag hatte ich am Computer gesessen und gearbeitet. Es gab so viel zu tun. Keine Zeit für ein vernünftiges Frühstück und Abendessen. Also holte ich die Marmelade aus dem Kühlschrank, von der ich eigentlich wusste, dass ich allergisch darauf reagiere. 

Nicht so schlimm, dass ich ins Krankenhaus muss. Aber doch so intensiv, dass mein Körper sich von innen aufheizt, es außen rot wird und meine Nachtruhe gestört ist. 

Aber ich war zu beschäftigt, mich an diese Symptome zu erinnern. Und zu faul, um an die Folgen zu denken. Also schmierte ich mir fleißig Marmelade auf die Maiswaffeln und verdrückte sie direkt am Schreibtisch. 

Aber doch nur dieses eine Mal. 

Durch dieses eine Mal hatte ich eine halbe Stunde eingespart und ein paar Sekunden Süßes auf der Zunge genossen. 

Soweit zum Vorteil. 

Aber dafür habe ich eine ganze Nacht unter den Folgen gelitten und im Grunde viele Stunden gesunden Schlaf verloren. 

Der Nachteil wog schwerer. 

Dieses schlaflose Erlebnis erinnert mich daran, dass ich manchmal genauso dumm bin wie der Hund in der folgenden Geschichte. 


Der Grund, warum wir oft jammern und stöhnen

Der Hund im Vorgarten stöhnt und atmet schwer. 

Neugierig bleibt der Nachbar stehen und fragt den im Garten arbeitenden Hundebesitzer, warum sein Hund denn so stöhnt. 

„Na, der sitzt auf seinem Schwanz. Und das ist natürlich unangenehm“, meint das Herrchen. 

Der Nachbar versteht nicht. 
„Warum steht er denn dann nicht auf und setzt sich anders hin?“, fragt der Nachbar.

„Jaaa“, meint der Hundekenner daraufhin, „sooo schmerzhaft ist es ihm auch wieder nicht. Eben nur so schlimm zum Stöhnen und Jammern.“ 

Ja, es gibt viele Momente, in denen ein „Nur dieses eine Mal“ furchtbare Folgen hat. Der Unfall, eine kaputte Beziehung, der Rückfall in die Alkoholsucht. 

Sehr oft sind solch ein „einziges Mal“ jedoch nicht ganz so tragisch. Deshalb sagen wir uns diesen Satz ja auch und beruhigen die leise Gegenstimme in uns. Allerdings sind die Folgen so spürbar, dass sie uns oder zumindest unseren Körper zum Jammern und Stöhnen bringen.

Wie auch immer dieses Jammern aussieht. 

So habe ich das ganze Jahr Schmerzen 

Nun hab ich schon einen Fehler zugegeben. Jetzt kann ich auch alles offenlegen. Das Problem ist nämlich, dass ich nicht nur gegen diese Marmelade allergisch reagiere, sondern auch viele andere Lebensmittel nicht vertrage. Ich kenne diese Lebensmittel und weiß um die Folgen. 

Deshalb vermeide ich sie, so gut es geht. 

Aber ich sterbe schließlich nicht daran, wenn ich mal eine Ausnahme mache. Also bitte nicht päpstlicher sein als der Papst, denke ich mir. 

Und so mache ich ab und zu eine Ausnahme. 

Das Problem an der Sache? Machen wir doch kurz ein Rechenbeispiel. 

Ich reagiere gegen ca. 70 Lebensmittel allergisch. Als Folge „stöhnt und jammert“ mein Körper mindestens 2,5 Tage. Das heißt, wenn ich bei jedem Lebensmittel nur zweimal im Jahr  eine Ausnahme mache, dann würde mein Körper fast das ganze Jahr jeden Tag stöhnen und jammern. (70 Lebensmittel x 2,5 Tage x 2 Ausnahmen = 350 Tage)

Dabei habe ich bei einem Lebensmittel doch nur zweimal eine Ausnahme gemacht. 

Das aber eben in verschiedenen Situationen. Bei verschiedenen Lebensmitteln. 

Nun, der Satz war für mich ein Augenöffner. 

Zugegeben, es brauchte eine schlaflose Nacht, um ihn auf mich wirken zu lassen. Aber jetzt habe ich verstanden. Ab jetzt werde ich ganz schnell ein weiteres Wort anfügen, wenn mir der Satz in den Sinn kommt. 

Nur dieses eine Mal verzichten. 

Wenn ich dieses Wort jedes Mal anhänge, dann kann ich mich durch das ganze Jahr singen und jubeln statt stöhnen und jammern. Das gilt natürlich nur für das, was mir nicht guttut. 


So schlafe ich besser und lebe wesentlich schmerzfreier

Unsere jüngste Tochter fragte mich einmal zu Weihnachten: „Papa, kannst du mir ein paar Nüsse knacken?“ Leider musste ich meinem kleinen Mädchen diese Frage verneinen. 

Warum? 

Sie hatte das erste „n“ im Knacken vergessen. Nüsse knacken – ja, das kann ich. Aber Nüsse k….. – das ist mir zu unangenehm. 

Was will ich damit sagen? Manchmal gibt ein Buchstabe einem ganzen Wort eine völlig neue Bedeutung. 

Dasselbe gilt für viele andere Situationen im Leben. 

„Nur dieses eine Mal“ mag eine kleine Sache sein – aber es kann mein Leben unangenehm und schmerzhafter machen. 

Wenn ich aber diesem Satz nur ein Wort dazugebe, sieht die Sache schon wieder anders aus. 

„Nur dieses eine Mal verzichten“ lässt mich nachts wieder in Ruhe knacken (schlafen), statt Probleme zu k…, ach vergessen wir das. 

Sie haben selbst keine Allergien? Dann gibt es bestimmt andere Situationen, in denen Sie auch das eine Mal lieber verzichten sollten. 

Immer nur das eine Mal. 

Verzichten. 

Nur dieses eine Mal NEIN sagen. 

Und beim nächsten Mal auch wieder NEIN sagen. 

Immer nur das eine Mal. 

NEIN sagen. 

Denn das NEIN wirkt wie ein Bodyguard, der für unsere Sicherheit sorgt. Und unsere Freiheit erkämpft. Sodass wir nicht von allen möglichen Situationen und letztendlich wertlosen Dingen geschwächt und erdrückt werden. (Seien wir mal ehrlich – die Marmelade war es doch nicht wert, oder?)

Meine NEINs sorgen dafür, dass ich meine JAs leben kann. 

Das NEIN ist ein herrliches Wort. Ich mag es immer mehr. 

Denn ich erlebe, dass ich dadurch immer ein Stück stärker, schmerzfreier und gesünder lebe. 

Dasselbe wünsche ich Ihnen ebenfalls. 

Von Herzen. 

Deshalb erhöhen Sie doch einfach mal die Taktzahl ihrer Neins. Nicht nur ab und zu. Sondern immer wieder NEIN sagen. 

Und sich dann mit Elan auf die JAs in Ihrem Leben stürzen. 

Das tun und leben, was Ihnen wirklich wichtig ist. Und was es wert ist. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen Juni voller fröhlicher und selbstbewusster NEINs. 

Ihr 
Johannes Schulte

 

 

 


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